Bildebenen im Werk von Günter Wintgens

 

 

Die Arbeiten, in denen sich Günter Wintgens mit verschiedenen Bildebenen befasst, lassen sich in zwei große, wiederum verzweigte und sich miteinander vermischende Werkstränge unterteilen: die „Fenster“ und „Schleier“ (z. B. „Auvergne“, 1976–78; „Schleier 6“, 2013) und die Bilder mit dem Prinzip der Fragmentierung und ihrer flimmernden Bildstruktur (P1, 2007). Das Arbeiten mit Ebenen zieht sich von den Siebzigerjahren bis heute durch das umfangreiche Œuvre von Günter Wintgens. Es nimmt inzwischen einen übergreifenden Stellenwert im Werk des Malers ein. Günter Wintgens bedient sich dabei unterschiedlichster Vorgehensweisen: Heftige, schnell ausgeführte Hiebe mit Pinseln und Palettenmesser über Bleistiftzeichnungen in den ersten fragmentierten Darstellungen, zum Teil lavierend übermalte ältere Bilder, unter anderem Portraits, die einen Durchblick auf die darunter liegende Ebene gestatten, Schriftzüge oder Frottagen über vorhandenen Motiven, fragmentierte Motive über monochromer oder polychromer Untermalung, halbdurchsichtige Seidenstoffe, die die darunter liegende Bildebene verhüllen, Lichtinstallationen und Videos (beides mit Susanne Koheil) gehören zu den verwendeten Methoden.

 

 

Die aktuellen Leinwandbilder, „Schleier 4–11“, sind gebildet aus übereinander liegenden diaphanen Farbschichten ohne gegenständliche Darstellung. Eine zweite Gruppe aktueller „Schleier“ bilden Papierarbeiten mit installativem Charakter. Es sind Frottagen auf Shoji-Papier („Schleier 1“) und über Zeitungen, die Financial Times („Schleier 2“), die italienische La Gazzetta dello Sport („Schleier 3“) sowie die beiden Arbeiten „Kirchner-Kreuz“, denen die Kunstzeitung zugrunde liegt.

 

Bildmotive mit diaphanen Ebenen finden sich bereits in sehr frühen Arbeiten wie etwa „Auvergne“ (1976–78) oder „Der Begleiter“ (1987). Erste „Fenster“ entstehen zum Beispiel mit „Rouge et Noir“ (1979) und den „Atelierfenstern“ (ab 1995), die Günter Wintgens in aktuellen Werken erneut zum Gegenstand seiner Arbeit macht. Das Motiv des Fensters bzw. des Schleiers transformiert Günter Wintgens auch in die seit 2009 entstehenden Videoarbeiten („Mr. Jones“, 2011; „Trans Europa Express“, 2012). Hier tritt besonders die Werkreihe der „Aludrome“ hervor, die beide Motive in sich vereint. Die „Aludrome“ (z. B. „46°70'97.17"N 1°97'93.83"E Frédéric“, 2013) kennzeichnet eine spezifische, schleierartige Lichtwirkung, hervorgerufen durch die Beschaffenheit des beobachteten Materials. Die Titel gebenden Orte der Beobachtung bleiben jedoch durch die ausschnitthafte Inszenierung des Materials trotz präziser Ortsangabe rätselhaft.

 

Die optische Durchlässigkeit, das Erahnen oder Erfassen der teilweise verdeckten Ebenen spielt mit der Neugier des Betrachters. Sie erlaubt es ihm, mehrere Bildebenen zugleich zu erkennen und damit einen zeitlichen Abstand der einzelnen Schaffensphasen wahrzunehmen, also in gewissem Umfang die Entstehungsgeschichte des Bildes zu erahnen. Für die fragmentierten Bildmotive, entstanden aus unzähligen partikelartigen Pinselstrichen über monochromem oder polychromem Grund, ist zudem auch der Aspekt vom Verlauf der Zeit von Bedeutung. Das betrifft zum einen den Entstehungsprozess des Bildes, gilt vor allem aber für das Element der Instabilität, der scheinbaren Bewegung, hervorgerufen durch die flimmernde Bildstruktur und verstärkt durch das Format des Tondo.

 

 

Von Bedeutung für die neueren Arbeiten ist außerdem das Moment der übermittelten Information. Sie bleibt im Einzelnen lesbar, bietet aber dem Betrachter durch das Zusammenfügen (übereinander Anordnen) eigenständiger Informationsebenen eine neue gedankliche Projektionsfläche. Ein weiter Aspekt ist die immer wiederkehrende Frage nach dem eigentlichen Wesen der Dinge, das von einem ebenso zarten wie reißfesten Schleier verborgen wird und sich einem endgültigen Verstehen entzieht. Anders formuliert, es geht nicht um eine Neuauslotung des Raums wie bei Helen Frankenthaler, Morris Louis oder Gotthard Graubner, sondern darum, wie sich die Durchdringung des Raums dem Betrachter widersetzt.

Susanne Koheil, Januar 2014